Zur Zukunft des Anwaltberufs:

Ergebnisse empirischer Untersuchungen bei Rechtsanwälten

Dieter Franke, IRES Gesellschaft für Unternehmens-, Marketing- und Kommunikationsforschung mbH - www.ires.de/

Die geradezu dramatische Entwicklung der Zahl zugelassener Rechtsanwälte in

Deutschland ist zur Genüge bekannt: Sie verdoppelte sich innerhalb des letzten

Jahrzehnts auf 142.830 bis zu Beginn 2007. Die Nachfrage nach juristischem Rat

und Beistand hielt damit sicher nicht Schritt, trotz aller Verrechtlichung der privaten,

beruflichen und öffentlichen Beziehungen.

 

Wie sehen Rechtsanwälte ihre Situation und wie gehen sie damit um? Antworten

darauf geben IRES-Untersuchungen, die seit 1998 jährlich für die DATEV bei

Rechtsanwälten durchgeführt werden1. Diese Studien bilden insofern einen gehobenen

Rechtsanwaltszuschnitt ab, als in den einbezogenen Kanzleien mindestens

drei qualifizierte Mitarbeiter (Fachangestellte, Bürovorsteher, Referendare)

beschäftigt sind. Bei Ein-Mann-/Frau-Büros dürften die Einschätzungen der Berufsaussichten

noch skeptischer sein.

 

Zur wirtschaftlichen Kanzlei-Situation

 

Zunächst jedoch eine erfreuliche Entwicklung: Halbierte sich von 1998

bis 2002 der Anteil jener Rechtsanwälte, die für die eigene Kanzlei die wirtschaftliche

Lage im jeweils kommenden Jahr positiv einschätzte, so stieg dieser Prozentsatz

seitdem peu à peu wieder an und legte 2006 sogar deutlich zu. Die zuversichtlichere

Grundstimmung im Land erreichte also auch die Anwälte.

 

Mit Vorausblick auf 2007 zeigt sich: Mit der Kanzleigröße wächst die Zuversicht,

mit dem Alter des Anwalts sinkt sie. Kanzleigröße und Alter sind auch bei anderen

Bewertungen wie bei Verhaltensweisen wesentliche Einflussfaktoren. Beim Alter

bildet dabei die 50 Jahre-Schwelle eine deutliche Grenze: Jenseits dieser

Schwelle ist man skeptischer.

 

Insgesamt gilt aber: Stimmungsaufhellung. Trotzdem blieb der erlebte Wettbewerbsdruck

erheblich. Entsprechend dem tatsächlichen Trend der letzten Jahre

wird dafür vor allem die stetig steigende Zahl zugelassener Anwälte verantwortlich

gemacht. Verschärfend tritt die wirtschaftlich schwierige Lage vieler Mandanten

hinzu: Jeweils zwei Drittel der Rechtsanwälte erachten diese beiden Einflussgrößen

als maßgebend. Beide standen auch 2005 mit nahezu identischen

Werten an der Spitze – trotz mehr Optimismus für die eigenen Aussichten

ergab sich hierbei also keine Entspannung.

 

Weitere Beeinträchtigungen der eigenen Chancen verbindet jeweils knapp die

Hälfte der Anwälte mit Rechtsdienstleistungen durch andere Anbieter, Erschwerung

der Prozesskostenbeihilfe, Übertragung von einverständlichen Ehescheidungen

auf Notare und mit der Reduzierung von Rechtsmittelmöglichkeiten.

Neue Kanzleikonzepte – wie Rechtsberatung per Telefon oder Internet und

Rechtsberatungsbüros in Kaufhäusern oder Bankfilialen – stehen demgegenüber

weniger im Focus der Befürchtungen. Jedoch: Kleinere und mittelgroße Kanzleien

(d.h. solche mit maximal drei Anwälten) verweisen darauf verstärkt. Ihnen bereitet

auch die Zunahme internationaler Großkanzleien in Deutschland Sorgen.

 

Möglichkeiten zur Erfolgssicherung

 

Was kann man nun als Anwalt angesichts des gegebenen Wettbewerbdrucks für

die Erfolgssicherung der eigenen Kanzlei tun? Mit 63% steht an der Spitze der

spontan genannten Möglichkeiten die Spezialisierung auf bestimmt Rechtsgebiete

inklusive der Fachanwaltschaft. Mit Werten um die 40% kommen Mandantenorientierung, Akquise und die professionelle Organisation der Kanzlei hinzu.

In erster Linie denkt man also an Spezialisierung. Das kommt auch bei den Antworten

auf eine andere Frage zum Ausdruck: Kennzeichnet rund die Hälfte unserer

Rechtsanwälte die eigene Kanzlei derzeit als fachanwaltsorientiert2, so sehen

sich 70% in etwa 5 bis 7 Jahren in dieser Weise ausgerichtet. Kleinere Kanzleien

und ältere Anwälte bleiben danach am ehesten noch als Allgemeinanwalt tätig.

 

Im Übrigen werden die zwei von den 18 möglichen Fachanwaltschaften, die derzeit

bereits am stärksten präsent sind, auch am häufigsten angestrebt: Arbeitsund

Familienrecht. Für jüngere Anwälte haben in diesem Sinne Arbeits-, Steuer- und

Insolvenzrecht eine besondere Position, wie für Anwältinnen Familien- und

Sozialrecht.

 

Man kann natürlich fragen: Handelt es sich wirklich um Spezialisierung, wenn man

als Anwalt in die Bereiche strebt, die bereits jetzt stark besetzt sind und auch

künftig erheblichen Zulauf erwarten lassen? Urheber- und Medienrecht, Transport-

und Speditionsrecht, gewerblicher Rechtsschutz sowie Medizinrecht und

auch Informationstechnologierecht sind demgegenüber Felder, die wesentlich

weniger im Anwaltsfocus stehen und damit erheblich bessere Möglichkeiten für

eine „spitze“ Kanzleiprofilierung bieten dürften.

 

Wird dann für ein breites Spektrum vorgegebener Möglichkeiten zur Erfolgsicherung

bestimmt, ob sie in der eigenen Kanzlei bereits verwirklicht wurden,

so gilt das vor allem für betriebswirtschaftliches Denken und Organisatorisches:

Einsatz von Kanzleiverwaltungssoftware, professionelle Organisation, Controlling.

Auch Internet-Nutzung und die – bereits erörterte – Spezialisierung bzw.

Fachanwaltschaft zählen zu den Maßnahmen mit einem Realisierungsgrad von

50 % und mehr.

 

Auch hier kommen erneut Kanzleigröße und Rechtsanwaltsalter als wesentliche

Einflussgrößen zum Zuge: Mit der Größe der Kanzlei steigt der durchschnittliche

Realisierungsgrad aller behandelten Möglichkeiten von 31,9 über 37,2 auf 46,6%

an, und mit dem Anwaltsalter sinkt er ähnlich kontinuierlich von 41,5 über 39,3 auf

33,8%. Außer bei der Zulassung als Fachanwalt schlagen Kanzleigröße und Alter

besonders durch, was Marketing/Werbung, Internetnutzung und die Kooperation

mit Steuerberatern/Wirtschaftsprüfern angeht: Kanzleien mit 4 Anwälten und mehr

sowie Rechtsanwälte unterhalb der 50 Jahre-Schwelle machen gerade davon

wesentlich häufiger Gebrauch.

 

Unternehmerisches Denken

 

Zulassung als Fachanwalt und Spezialisierung auf bestimmte Rechtsgebiete

betreffen die Fachkompetenz des Rechtsanwalts. Bei der professionellen Organisation

von Abläufen, dem Einsatz von Marketing/Werbung und der Kundenorientierung

geht es dagegen um Aktivitäten, die Freiberuflern und Unternehmern wohl

jeder Art am Herzen liegen sollten. Insofern ist die Notwendigkeit unternehmerischen

Denkens offenbar auch bei Anwälten präsent.

 

Es sind 2006 bereits 28% der Rechtsanwälte, für die eine unternehmerische

Grundhaltung Priorität hat. Damit erweiterte sich dieser Personenkreis innerhalb

nur eines Jahres um 7%. Legt man die Absichtserklärung unserer Interviewpartner

zu Grunde, wird er auch weiter an Boden gewinnen.

 

Bemerkenswerterweise ist die Kanzleigröße dabei nicht von Belang, obwohl sie

bei allen anderen Bewertungen eine erhebliche Rolle spielt. Unternehmerisch zu

denken ist wohl vor allem eine Frage des persönlichen Zuschnitts und weniger

der Größe (wobei allerdings die entsprechenden Aktivitäten besser zu realisieren

und auch zu finanzieren sein dürften, wenn die Kanzlei größer ist). Ältere Anwälte

und mehr noch Anwältinnen setzen auch künftig stärker auf ihre juristischen

Kenntnisse und Fähigkeiten statt auf Unternehmertum.

 

Aus Sicht unserer Anwälte bedeutet unternehmerisch zu denken vor allem Gewinnorientierung

und Kostenmanagement sowie die professionelle Organisation

der betrieblichen Abläufe. Und tatsächlich: Instrumente, die Kosten- und Ertragstransparenz

bringen, sind bei Rechtsanwälten mit unternehmerischer Grundhaltung

mehr in Gebrauch als bei jenen, die vor allem auf ihre juristischen Fähigkeiten

und Kenntnisse bauen. Die „Unternehmerischen“ nutzen zudem verstärkt

das Internet, kooperieren in höherem Maße mit Steuerberatern/Wirtschaftsprüfern,

setzen häufiger Marketing-/Werbemaßnahmen ein und weiten ihre Kanzleitätigkeit

überörtlich aus.

 

Hinzu kommt: Tendiert man als Anwalt mehr zum Unternehmerischen, setzt man

die möglichen Beeinträchtigungen der eigenen Lage durch die Erschwerung von

Prozesskostenbeihilfen, Übertragung einverständlicher Ehescheidungen auf Notare,

Reduzierung von Rechtsmittelmöglichkeiten und zunehmende Fachanwaltszahlen

niedriger an. Mit anderen Worten: Die Befürchtungslage ist entspannter.

 

Aus geringeren Befürchtungen und höherem Realisierungsgrad von Maßnahmen

zur Erfolgssicherung resultiert dann konsequenterweise größere Zukunftszuversicht:

Erwarten von den „Unternehmerischen“ für das kommende Jahr 58% eine

positive wirtschaftliche Situation für die eigene Kanzlei, so sind es bei den „Juristischen“

mit 44% deutlich weniger. Diese Diskrepanz ist in allen drei

Kanzleigrößen gegeben, die Schere zwischen „Unternehmerischen“ und „Juristischen“

öffnet sich jedoch mit steigender Anwaltszahl beträchtlich.

 

Abschließend sei eingestanden: Die Unterscheidung zwischen Anwälten mit

„unternehmerischer“ und „juristischer“ Grundhaltung ist einigermaßen künstlich.

Ein „Unternehmer“-Anwalt ohne juristische Fachkompetenz dürfte auf Dauer

ebenso Probleme bekommen, wie der „reine“ Anwalt ohne Führungs-Know-how

Schwierigkeiten bei Kanzleimanagement oder Marktdurchsetzung. Angesichts

sich verschärfenden Wettbewerbs dürfte dieses Know-how aber auch bei

Rechtsanwälten zum selbstverständlichen Rüstzeug für die Sicherung der beruflichen

Zukunft werden. „Den“ Rechtsanwalt gibt es schon lange nicht mehr – die

bereits beträchtliche Bandbreite in der persönlichen Interpretation des Berufs ist

nicht zuletzt auch deshalb in ihrer Entwicklung noch nicht beendet.

 

1 Basis: 300er-Stichprobe, repräsentativ für Kanzleien mit mindestens 3 qualifizierten Mitarbeitern.

Face-to-face-Interviews.

2 Gerade hierbei ist der Stichprobenzuschnitt zu berücksichtigen: Nur Kanzleien mit mindestens

drei qualifizierten Mitarbeitern.

 

Datenschutz in der digitalisierten Kanzlei – Aktuelles, Ausblicke und Anwendungen

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