Wie sieht ein zeitgemäßes Anforderungsprofil für die Ausbildung von Rechtsanwaltsfachangestellten aus’

Marlies Stern, RENO-Bundesverband, Berlin

Lassen Sie mich Eines vorausschicken: Auch ich habe keinen Königsweg.

Ich weiß auch nicht, ob früher wirklich alles besser war.

Fakt aber ist, dass sich das Anforderungsprofil der Rechtsanwaltsfachangestellten – wie auch das Anforderungsprofil vieler anderer Berufe – in den letzten Jahren und Jahrzehnten erheblich verändert hat und dass wir gemeinsam adäquat darauf reagieren müssen.

 

Denn wer sich zufrieden gibt mit dem, was ist, der würgt seinen stärksten Motor ab: Visionen.  

Was heißt eigentlich ‚zeitgemäß’?

Der Begriff ‚zeitgemäß’ unterstellt zu Recht, dass sich Rahmenbedingungen verändert haben, die mittelbar oder unmittelbar Einfluss nehmen auf das Anforderungsprofil.

Wer wüsste besser als Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass das deutsche Rechtswesen zu den komplexesten weltweit gehört. Fortwährend sind wir mit Gesetzesänderungen, neuen Vorschriften und Verordnungen und einer veränderten Rechtsprechung befasst. Das erfordert nicht nur von Ihnen, die Sie tagtäglich sozusagen „an der Front“ sind, ein ständiges Dazulernen und Erweitern des Horizonts, sondern es verlangt auch von Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein hohes Maß an Flexibilität, Lernbereitschaft und Lernfähigkeit.

Umso wichtiger ist es nach unserer Auffassung für den reibungslosen Ablauf der Arbeitsprozesse in den Kanzleien, dass die Rechtsanwaltsfachangestellten fit sind, fit gemacht werden und fit bleiben in Ihrer fachlichen Aus- und Weiterbildung.

Das gilt im Übrigen natürlich analog für die Notarfachangestellten und die Angestellten der Patentanwälte.

Wie wichtig für die Rechtsanwaltsfachangestellten Fragen der Aus- und Weiterbildung sind, wird schon deutlich, wenn wir uns nur mal ansehen, wie sich die Rahmenbedingungen, unter denen Rechtsanwaltsfachangestellte arbeiten und gearbeitet haben, in den letzten 50 Jahren verändert haben.

1957, vor 50 Jahren, bestand die technische Ausstattung einer Anwalts- und Notariatskanzlei im Wesentlichen aus einer manuellen Schreibmaschine und einem Telefon.

1977, also 20 Jahre später, gab es in einer durchschnittlichen Anwaltskanzlei bereits eine elektrische Schreibmaschine, Telefon und Stenorette. Die Akten hatten immer noch Schwänze.

Nachdem zwischen 1980 und 1985 die Einführung von Speicherschreibmaschinen schon einer kleinen Revolution gleichkam, werden 1990 die ersten Computer und Anwaltssoftware eingeführt,.

Man spricht auch schon vom papierlosen Büro. Eine Illusion, wie wir heute wissen.

Dass Mann und Frau bei Forderungsaufstellungen nicht mehr die Zinsen per Hand ausrechnen müssen, gibt ebenfalls Anlass zur Freude.

Das Faxgerät ist bald nicht mehr wegzudenken – was hat man bloß davor gemacht? Ganz einfach: Boten hatten gut zu tun und die Reno unternahm abendliche Ausflüge zum Nachtbriefkasten im Hauptbahnhof oder mitternächtliche Stippvisiten bei den Fristenbriefkästen der Gerichte.

 

Noch eine Revolution: Zunächst werden überörtliche Sozietäten zugelassen, wenig später auch Zusammenschlüsse mit internationalen Kanzleien. Die Kanzleistruktur in Ballungsgebieten verändert sich rasant, man schließt „Hochzeiten“ und trennt sich auch wieder.

Im Jahr 2000, das ist noch gar nicht so lange her, gibt es so gut wie kein Büro mehr ohne PC und Anwaltssoftware. Büros, die auf sich halten, haben natürlich schon seit längerer Zeit eine Internetseite.

Korrespondenz per E-Mail ist in – auch wenn die Kammer gewaltige Hürden aufstellt. Anwälte tippen übrigens jetzt auch selbst. Den Luxus, pro Anwalt eine Sekretärin, können sich nur noch Seniorpartner leisten. Bei den anderen teilen sich mittlerweile 3 bis 4 Junganwälte eine Sekretärin.

Klar, dass auch die Spracherkennung im Vormarsch ist. Mit digitalem Diktieren kann man die Schreibbüros in der ganzen Republik beglücken und braucht teure Rechtsanwaltsfachangestellte in Ballungsgebieten nicht mit Schreibarbeiten zuzuschütten – zumindest kostenbewusste Büros tun dies nicht mehr.

Heute arbeiten viele Mitarbeiter an 2 Monitoren: einen zum Arbeiten, einen zum Lesen. Dank Verbesserungen bei der Anwaltssoftware ist die elektronische Akte kein Wunschtraum mehr. Zeitraubendes Aktensuchen könnte damit der Vergangenheit angehören – aber auch diese technische Errungenschaft ist nur so gut, wie der Mensch, der sie bedient.  In einigen wenigen Kanzleien ist übrigens das papierlose Büro tatsächlich mittlerweile realisiert.

 

Durch die fortschreitende Technisierung fiel ein großer Teil an Schreibarbeiten weg. Die Tätigkeiten der Rechtsanwaltsfachangestellten (ich verwende diese Bezeichnung im Folgenden geschlechtsneutral, also für weibliche und männliche Rechtsanwaltsfachangestellte gleichermaßen) sind nicht nur anspruchsvoller geworden, die Aktensachbearbeitung ist durch Anwaltssoftware auch schneller geworden.

E-Mail-Korrespondenz macht große Teile des Postversands

überflüssig. Durch das elektronische Handelsregister und das elektronische Grundbuch fallen für Rechtsanwaltsfachangestellte viele Botengänge weg. Der Sachbearbeiter kann sich am Bildschirm über die aktuellste Version informieren, ohne das Haus zu verlassen.

Schon die Erwähnung nur der wichtigsten Veränderungen macht deutlich, dass die Arbeiten von Rechtsanwaltsfachangestellten und das Umfeld, in dem diese Arbeiten ausgeführt wurden, heute nicht mehr mit dem zu vergleichen ist, was vor 50 Jahren gängige Praxis war. 

Gravierende Veränderungen der Arbeitsbedingungen haben auch das Anforderungsprofil von Rechtsanwaltsfachangestellten im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gravierend verändert.

Ich komme hierauf noch zu sprechen.

Die Entwicklung des Berufsbildes der Rechtsanwaltsfachangestellten darf aber nicht isoliert betrachtet werden, sie ist – wie gesagt - im Zusammenhang mit der Veränderung der Arbeitsbedingungen zu sehen, und sie ist von zwei weiteren wesentlichen Faktoren abhängig:

Sie ist im Zusammenhang mit der Größe der Kanzlei zu sehen. Hierauf komme ich noch zu sprechen.

Und sie ist

  1. im Zusammenhang mit der Entwicklung des Berufsbildes des Volljuristen zu sehen, also auch mit dem Grad seiner Spezialisierung.

Verändert sich das Umfeld der Anwälte und Anwältinnen, so verändert es sich auch bei den Rechtsanwaltsfachangestellten. In den Anwaltskanzleien ist seit 15 Jahren eine Tendenz zum Zusammenschluss in Sozietäten, Bürogemeinschaften und Netzwerken sowie eine Spezialisierung der kleineren Kanzleien festzustellen.

Der Rechtsanwalt und die Rechtsanwältin, die notgedrungen zum Existenzgründer werden, weil sie keine Festanstellung finden, und alles machen, was hereinkommt, haben immer mehr Mühe, ihr Auskommen zu finden. Bei einigen ist sogar die Bezahlung einer Auszubildenden zu teuer oder kommt nicht in Frage, weil man im Home-Office arbeitet.

Bei diesen kleinen Anwaltskanzleien können die Rechtsanwaltsfachangestellten aber meist am selbständigsten arbeiten. Hier fällt die Bearbeitung von Verkehrsunfallsachen, Mahnwesen und Zwangsvollstreckung bis zum Entwurf von Forderungs- und Kündigungsschutzklagen etc. an.

Um es deutlich zu sagen, meine sehr geehrten Damen und Herren: Rechtsanwaltsfachangestellte müssen heute mehr Akten in kürzerer Zeit bearbeiten. Dazu müssen sie über sehr gute PC-Kenntnisse verfügen, nicht nur in Word, sondern auch in einer Anwaltssoftware. Kenntnisse in Excel und Power-Point gehören heute ebenso schon zum Standard wie Änderungsfunktionen, Erstellung von Serienbriefen und Formatieren.

RA-Micro, der Mercedes der Anwaltssoftware, hat unterdessen Einzug gehalten in vor allem größere Kanzleien, auch wenn sie  nur zu 5 bis 10 % genutzt wird – weil sich niemand die Mühe macht herauszufinden, was man damit so alles machen könnte.

Eine Rechtsanwaltsfachangestellte ist heute kein Gehilfe des Anwalts mehr und auch der Begriff ‚Fachangestellter’ umschreibt die gewünschten und erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten nur unzureichend:

 

Heute ist ein Rechtsanwaltsfachangestellter ganz eindeutig ein Kompetenz-Center !

Die früheren Grundfertigkeiten einer Rechtsanwaltsfachangestellten, nämlich hellsehen und hexen, werden natürlich unverändert gebraucht, weitere Kompetenzen sind hinzugekommen oder werden verstärkt gesucht:

Zunächst natürlich die Fachkompetenz. Die Rechtsanwaltsfachangestellten sollen einerseits über juristische Grundkenntnisse verfügen, sich andererseits aber durchaus auch spezialisieren, dabei aber den Blick für das Große und Ganze bewahren. Gute Allgemeinbildung versteht sich von selbst.

Über die Kommunikative Kompetenz, d.h. den Umgang mit PC und Software, habe ich bereits gesprochen. Dazu gehören heute mehr und mehr auch zumindest Grundkenntnisse der englischen Sprache.

Nicht zu unterschätzen ist die Sozialkompetenz. Das beginnt mit der Fähigkeit zu organisieren. Damit sind z.B. geradezu banale, aber durchaus nicht unwichtige Tätigkeiten wie Kaffee kochen und Empfang der Klienten gemeint. Dazu gehört aber auch die Fähigkeit, selbständig zu arbeiten und Eigeninitiative zu entwickeln und dazu gehört Flexibilität, um die eigenen Anwesenheitszeiten serviceorientiert und bedarfsgerecht anzubieten.

Schließlich brauchen moderne Rechtsanwaltsfachangestellte heute Multitasking-Kompetenz, um die verschiedenartigen Aufgaben zu bewältigen und Prioritäten zu setzen.

Ich will die Anforderungen an das Kompetenz-Center Rechtsanwaltsfachangestellter anhand einer Stellenausschreibung aus dem Jahr 2006 veranschaulichen, die mir bei meiner Recherche in die Hände gefallen ist und in der eine „klassische“ Sekretärin aus dem Berufsbild „RENO-Gehilfin“ oder „Kauffrau für Bürokommunikation“ gesucht wird.

Dort heißt es zu den idealen Anforderungen:

·         Mindestens 40 bis max. 55 Jahre, Nichtraucher

·         Perfekter Umgang mit MS-Office (word, Outlook, ggf. Powerpoint)

·         Beherrschung der Deutschen Sprache in Wort und Schrift

·         Zuverlässigkeit und absolute Diskretion

·         Sorgfalt und Eigenverantwortlichkeit.

Zum Tätigkeitsspektrum gehört:

·         Schreiben nach Diktat

·         Fähigkeit, selbstständig Briefe in angemessener Sprache zu formulieren

·         Informationsbeschaffung aus dem Internet

·         eMail-Verkehr

·         mittelfristig: Aktualisierung und Pflege des Internetauftritts

·         vorteilhaft sind Grundkenntnisse in der englischen Sprache, jedoch keine Bedingung.

Als gewünschte Eigenschaften werden genannt:

      Bilden sich fort, ehrlich, erfahren, fachkompetent, flexibel,

      humorvoll, konfliktbereit, präzise, sehr einsatzbereit,

      sozialkompetent, sorgfältig, teamorientiert, überzeugend und

      zuverlässig.

 

Kurzum: Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau.

Eine solche Stellenausschreibung, die durchaus nicht als exotisch bezeichnet werden kann, deckt sich im Wesentlichen mit dem gängigen Anforderungsprofil für Rechtsanwaltsfachangestellte.

Danach werden folgende Eigenschaften hoch bewertet:

  • Klienten beraten und betreuen
  • Mit EDV-Systemen umgehen
  • Wirtschaftlich denken und handeln

 

Ebenfalls noch hoch geschätzt werden

  • Arbeit selbstständig organisieren  und
  • Im Team arbeiten

Noch interessanter ist das detaillierte Anforderungsprofil, in dem bestimmte Fähigkeiten klassifiziert sind von ‚trifft zu’ bis ‚trifft überhaupt nicht zu’.

Hiernach entspricht dem Anforderungsprofil einer RENO in vollem Umfang

·         Mündliche und schriftliche Kommunikationsfähigkeit

·         Leistungsbereitschaft

·         Freundlichkeit

·         Zuverlässigkeit  und

·         Genauigkeit

Zwischen sehr wichtig und weniger wichtig liegen Eigenschaften und Fähigkeiten wie

Kreativität

  • Logisches Denken
  • Problemlösefähigkeit
  • Überzeugungskraft  und
  • Kompromissbereitschaft.

Für nicht erforderlich gehalten werden

Technisches Verständnis  und

  • Handwerkliches Geschick

Sie alle, meine Damen und Herren, können für sich überprüfen, inwieweit ein solches Anforderungsprofil deckungsgleich ist mit Ihren eigenen Vorstellungen.

Lassen Sie mich ein Zwischenfazit ziehen:

Der Beruf einer Rechtsanwaltsfachangestellten hat sich sichtbar gewandelt, er ist moderner und vielseitiger geworden. Damit ist auch das Anforderungsprofil heute deutlich differenzierter als früher.

Im Zeitalter der neuen, elektronischen Medien und der Spracherkennung geht es nicht mehr allein darum, gute Schreibkräfte zu beschäftigen. Die Kanzleien brauchen vielmehr qualifizierte Fachkräfte – ich habe sie Kompetenz-Center’ genannt -, die Termine vereinbaren, Fristen und die Durchführung von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen überwachen sowie Vergütungsrechnungen erstellen.

Eigentlich – könnte man jedenfalls meinen – bietet also der Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten eine breite Tätigkeitspalette, attraktive Rahmenbedingungen und eine interessante berufliche Perspektive allemal.

Und dennoch müssen wir konstatieren, dass die Zahl der neuen Azubis für den RENO-Beruf kontinuierlich abnimmt, während sich die Zahl der Rechtsanwälte in den letzten 50 Jahren annähernd verzehnfacht hat.

Woran liegt das?

Ein entscheidender Grund für den Rückgang der Ausbildungsverträge sind die Ausbildungshemmnisse, die sich aus Sicht der Kanzleien ergeben.

Zunächst ist ganz sicher festzustellen, dass sich der wirtschaftliche Druck auf die Kanzleien erhöht hat. Da stellt sich automatisch die Frage: Kann und will ich mir einen Auszubildenden noch leisten? Einen Auszubildenden, der zunächst einmal unwirtschaftlich ist im Sinne einer Kosten-/Nutzen-Analyse, der eine lange Einarbeitszeit braucht und der dann auch noch wegen zweier Unterrichtstage in der Kanzlei nicht zur Verfügung steht.

Dazu kommt, dass Ausbildungsplatzbewerber häufig nicht über entsprechende Eignung verfügen, wenn man denn überhaupt Bewerber findet.

Und schließlich lässt die Spezialisierung vieler Kanzleien keinen Raum für die allgemeine Ausbildung bisheriger Prägung. 

Denn wir müssen sehen, dass sich die rechts- und wirtschaftsberatenden Kanzleien in den letzten Jahren stark verändert haben.

Immer größere Einheiten entstehen, die Kanzleien werden internationaler, haben Partner oder Kooperationen im gesamten Ausland.

Immer stärker verändern sich damit auch die Anforderungen an die in diesen Kanzleien Beschäftigten.

Internationale und wirtschaftsberatende Kanzleien bilden nicht mehr oder in geringerem Maße aus, stattdessen sind Fremdsrachen-, Europa- und sonstige Sekretärinnen gesucht. Die können nämlich Englisch, was sich die „normale“ Rechtsanwaltsfachangestellte ja immer noch beharrlich weigert zu benutzen!

Waren englische Sprachkenntnisse bis vor wenigen Jahren vorwiegend in größeren internationalen Kanzleien gefordert, werden diese mittlerweile mehr und mehr auch in mittelgroßen und kleineren Kanzleien verlangt.

Nach meiner Einschätzung wird es nicht mehr lange dauern und Englisch ist genauso ein Muss wie die Beherrschung einer Anwaltssoftware.

Für den Rechtsanwaltsfachangestellten von heute gilt es, die englischen Sprachkenntnisse zu vertiefen und bürotauglich zu machen. Hierzu bieten einige Rechtsanwalts-Kammern mittlerweile Englischkurse an, von denen jedoch manche mangels Teilnahme abgesagt werden müssen. Das gilt nebenbei bemerkt nicht für meinen Landesverband Berlin-Brandenburg. Hier laufen die Englischkurse seit vier Jahren mit großem Erfolg.

In Sachsen und in Frankfurt/M. kann man seit 2 Jahren übrigens während der Berufsschulzeit eine Zusatzqualifikation in Business-Englisch erwerben.

Außerdem fallen in den Großkanzleien weder Zwangsvollstreckung in nennenswertem Umfang, noch RVG-Abrechnungen

oder Fristenberechnungen an – der Anwalt in der Großkanzlei geht nämlich gar nicht mehr zu Gericht. Damit fällt für die Rechtsanwaltsfachangestellte alles weg, was sie gut machen kann.

Dieser Fachkräftemangel fiel uns meiner Meinung nach aus mehreren Gründen bislang nicht auf:

So kamen zum Beispiel seit Anfang der 90-er Jahre viele Rechtsanwaltsfachangestellte aus den neuen Ländern in die alten Länder.

Renos, die von Versicherungen und Banken entlassen wurden, kamen wieder auf den Markt.

Dazu kam, dass die Krise, die die Anwaltskanzleien zwischen 2002 und 2004 heimsuchte, noch mehr Rechtsanwaltsfachangestellte auf den Markt brachte, die dann sogar erstmalig seit dem Krieg entlassen werden mussten, weil es keine Arbeit gab.

So wurde verdeckt, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass ein Defizit an Fachkräften herrscht, weil nämlich parallel die Ausbildungszahlen schon seit geraumer Zeit rückläufig sind. Beide gegenläufigen Entwicklungen zusammen betrachtet haben nach meiner Einschätzung fatale Folgen. Irgendwann nämlich dürfte der Exodus aus den neuen Ländern beendet sein – spätestens dann werden wir den Fachkräftemangel spüren.

Woran liegt es also, dass sich immer weniger junge Menschen für den RENO-Beruf entscheiden?

In diesem Zusammenhang drängen sich zwei weitere Fragen geradezu auf:

  1. Wozu braucht jetzt und in Zukunft ein Anwalt überhaupt noch eine Rechtsanwaltsfachangestellte und wie bleibt diese für den Anwalt ihr Geld wert?  - und
  2. Was können wir gemeinsam tun, um den Ausbildungsberuf attraktiver zu machen?

Wesentliche Zugangshemmnisse bestehen aus Sicht des qualifizierten Ausbildungsplatzsuchenden zunächst einmal in der Unkenntnis des Ausbildungsberufs. Simpel ausgedrückt: Unter einem Rechtsanwaltsfachangestellten kann man sich weniger vorstellen als unter einer Bürokauffrau, einer Zahnarzthelferin oder einem Bankkaufmann.

Mit der geringen Vergütung geht das relativ schlechte Image der Ausbildungsqualität (Stichwort: billige Schreibkraft) einher. Und im Vergleich zu kaufmännischen Berufen spielen für RENO-Azubis sicher auch die Aufstiegsmöglichkeiten eine gewisse Rolle.

Aus meiner Sicht gibt es zwei Möglichkeiten, das Problem anzupacken:

1. Möglichkeit: Wir können uns zurücklehnen und sagen: da kann man eben nichts machen, das ist halt so. Die allgemeine Lage der Anwaltskanzleien, die mangelnde Motivation der Schülerinnen und Schüler und deren schlechte Berufsausbildungsreife, der zunehmende Konzentrationsprozess und der Einsatz moderner Kommunikationsmittel sind Schuld.

Dann können wir uns als aussterbende Spezies feiern und abwarten, bis der letzte Azubi das Licht ausmacht!

Das wäre die Vogel-Strauß-Taktik.

Wir können aber auch den zweiten Weg gehen und jetzt Weichen stellen. Wir können aktiv werden und Visionen entwickeln. Und ich denke, wir müssen diesen Weg gehen.

Ein erster Ansatz kann der Wegfall aller Prüfungsgebühren sein, um den Ausbildungskanzleien zusätzliche finanzielle Nachteile zu ersparen.

Wir müssen aber auch den potentiellen Auszubildenden wieder mehr vermitteln, was die Attraktivität des Berufs ausmacht und wir müssen dafür sorgen, dass die Abbrecherquoten sinken. Manche Reno-Ortsvereine, manche Rechtsanwalts-Kammern sind auf dem besten Wege: sie stellen den Beruf auf Berufsbildungsmessen vor, haben Ausbildungsplatzbörsen auf der Internetseite und bilden Lernortkooperationen.

Ich denke hier an die Förderung einer Verbundausbildung. Was heißt das? Zwei oder mehr Kanzleien schließen einen Kooperationsvertrag über eine teilweise Durchführung der Ausbildung in ihrer Kanzlei. Dies wird von der EU mit einem Gesamtbetrag von 4.500 Euro, bezogen auf die 3-jährige Ausbildungszeit, gefördert. Mit diesem Förderbetrag ist also fast das erste Ausbildungsjahr bezahlt.

Und es werden neue, innovative Ausbildungsgänge designt.

Ich will zwei Beispiele nennen:

1. Beispiel:

Im Bezirk der Rechtsanwaltskammer Köln wird zurzeit das so genannte‚ vollzeitschulische Monatsmodul’ als Pilotprojekt geplant. Dahinter verbirgt sich ein vierwöchiger und ganztägiger Schulunterricht für Anfängerazubis vor Beginn ihrer regulären Ausbildung. Dieser Crashkurs soll auf die Kommunikations- und Einsatzfähigkeit in der Kanzlei vorbereiten durch Vermittlung sofort verwertbarer Kenntnisse im Schreiben, Rechnen, Organisieren und Telefonieren. Dazu kommt ein Gerichtstag. 

Der Vorteil eines solchen Crashkurses für die Kanzlei liegt auf der Hand: die Azubis können sofort und besser als bisher für die Kanzleiarbeit eingesetzt werden. Sie sind in der Lage, Schriftsätze zu fertigen und Aufgaben der Büroorganisation zu übernehmen.

Und auch der Auszubildende hat natürlich einen Nutzen: Er weiß im Prinzip schon nach vier Wochen, was im Laufe seiner Ausbildung an Inhalten auf ihn zukommt.

2. Beispiel:

Die Rechtsanwaltskammer Frankfurt entwickelt gerade in Zusammenarbeit mit Frankfurter Berufsschullehrern einen neuen Ausbildungsberuf mit dem Arbeitstitel: „Fachangestellte/-r für international tätige Wirtschafts- und Rechtsberatende Unternehmen“. Fremdsprachenkenntnisse, PC-Kenntnisse, Grundzüge im Recht, Kommunikationstechniken könnten schulische Inhalte sein.

Mit diesem neuen Beruf könnten auch die wirtschaftsberatenden Kanzleien, die Rechtsabteilungen und die Big Five der Steuerberatungsgesellschaften wieder ins Ausbildungsboot geholt werden.

Es soll sich hierbei übrigens um eine duale Ausbildung handeln, die in ihren Ausprägungen und in ihrer Gestaltung durchaus kontrovers diskutiert wird. Strukturbildend dabei ist die Fragmentierung von Ausbildungsgängen nach einem einheitlichen Schema. Vorgeschlagen wird die Gliederung der Ausbildungsberufe in sechs bis zehn ‚Ausbildungsbausteine’. 

Wir als Rechtsanwaltsfachangestellte sollten diesen neuen Berufsentwurf nicht als Konkurrenz sehen, sondern als alternativen Beruf, der in die Reno-Vereinigung integrierbar ist. Hier sind auch unsere Ideen als Berufsvereinigung gefragt, die wir in die Diskussion und Ausgestaltung des Berufsbildes mit einbringen können.

Dazu kommt, dass die RENO als Berufsvereinigung gerade im Bereich der Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder (aber auch aller Rechtsanwalts- und Notariatsangestellten, die nicht Mitglieder der RENO sind) ein hohes Maß an Eigeninitiative entwickelt.

Und ich will an dieser Stelle, meine sehr geehrten Damen und Herren, gerne darauf hinweisen, dass die RENO als Berufsvereinigung durchaus eine schlagkräftige Organisation darstellt. Mittlerweile sind ca. 4.100 Mitglieder im gesamten Bundesgebiet in 30 Ortsvereinen und Landesverbänden organisiert.

Als eine moderne und zukunftsorientierte Arbeitnehmervereinigung setzen wir uns ein für die Wahrung, Vertretung und Förderung der beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen aller Angestellten und Auszubildenden der Rechtsanwälte, Notare und Patentanwälte.

Und gerade die Förderung der beruflichen Aus- und fachlichen Weiterbildung ihrer Mitglieder ist eines der wesentlichen Ziele der RENO.

Dezentral bieten zahlreiche RENO-Landesverbände und Ortsvereine qualitativ hochwertige Seminare, Vorträge und Tagungen zu aktuellen Themen des Rechtswesens an.

Wir als RENO müssen Angebote machen, mit denen die nationalen Benchmarks verbessert werden können. Wir müssen uns der Qualitätssicherung weiterhin stellen und sie positiv nutzen.

Aber auch die Rechtsanwaltskammern und andere Anbieter offerieren zahlreiche Weiterbildungsangebote. Denn gefragt sind natürlich vor allem versierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Auch wenn seit einigen Jahren die Tendenz zu merken ist, dass Fortbildungen nicht mehr von den Arbeitgebern bezahlt werden, sehen viele Rechtsanwaltsfachangestellten Weiterbildung als Investition in die Zukunft.

Denn wir wissen sehr wohl um unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn wir seit 20 Jahren in einer Kanzlei gearbeitet und keine Schulung mitgemacht haben.

Heute ist mehr denn je unumstritten, dass das lebensbegleitende, dauerhafte Lernen in Zukunft unumgänglich ist. Das Lernen in der Erstausbildung reicht nicht als Vorrat über das gesamte (Arbeits-)Leben. Auch im Alter wird angesichts einer längeren Lebensarbeitszeit und immer kürzerer Innovationszyklen das Lernen seinen Platz haben müssen.

Wir müssen erkennen, dass sich unsere Chancen im Prozess des lebenslangen Lernens verbessern.

Die beruflichen Schulen müssen ihre Kompetenz in diese Felder einbringen – das erfordert allein die regionale Arbeitsmarktpolitik, die es sich nicht erlauben kann, an den beruflichen Schulen vorhandenen Personal- und Ausstattungsressourcen vorbeizugehen. Die Schulen müssen diese Bereiche als Chancen für die Erschließung zukünftiger neuer Felder sehen.

Meine Damen und Herren: Auch „fertige“ Rechtsanwaltsfachangestellte können sich auf hohem Niveau weiterqualifizieren.

Das Rechtsfachwirtstudium mit dem Abschluss „Geprüfter Rechtsfachwirt/Geprüfte Rechtsfachwirtin“ vermittelt ein tiefes branchenspezifisches Wissen, das den Absolventen zur Erfüllung qualifizierter Sachaufgaben befähigt.

Der Bedarf an diesem Studiengang ist mittlerweile so groß, dass wir neben dem bisher in Bad Münstereifel etablierten Studiengang diesen Studiengang seit August 2005 zusätzlich auch in Berlin und ab August 2007 auch in München anbieten.

Leider fehlt es im Notarbereich bislang noch an einer bundeseinheitlichen Verordnung. Deshalb bietet die RENO in diesem Fachbereich den Studiengang mit einer Kammer-Prüfung in Berlin an. Geplant ist dieser Studiengang zukünftig auch in weiteren Orten.

Das alles sind Aus- und Weiterbildungsangebote, meine sehr geehrten Damen und Herren, die sozusagen institutionalisiert sind. Das ist wichtig, weil damit auch ein hohes Maß an Professionalität verbunden ist.

Aber auch wir als Individuen können mehr tun:

Wir können im Büro für die Schaffung eines Ausbildungsplatzes werben und wir können, wenn es Auszubildende im Büro gibt, diesen Unterstützung anbieten, auch wenn wir alle immer mehr zu tun haben.

Denn ob früher tatsächlich alle Lehrlinge viel besser waren, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß aber, dass wir alle unseren Beitrag dazu leisten können, dass die heutigen Azubis besser werden und das Niveau der etablierten Rechtsanwaltsfachangestellten irgendwann auch mal erreichen.

Sie sehen also, dass die Mitglieder der RENO aktiv und motiviert sind, wenn es um ihre Aus- und Weiterbildung geht.

Berufliche Ausbildung und fachliche Weiterbildung als eine der Hauptzielsetzungen des RENO-Bundesverbandes halten wir nicht nur für sinnvoll, sondern auch für notwendig, denn gut ausgebildete, gut informierte und gut beratene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Anwälten und Notaren sind in aller Regel auch zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das nützt nicht nur diesen selbst, sondern es kommt auch den Rechtsanwälten und Notaren zugute, also auch Ihnen allen und Ihren Kolleginnen und Kollegen.

Denn wir sehen es als unsere Aufgabe an, Sie als unsere Arbeitgeber bei allen Vorgängen im Rahmen unserer Möglichkeiten zu entlasten, denn wir wissen sehr wohl: Wenn es uns gelingt, unseren Chef/Chefin  zufrieden zu stellen, haben wir einen wesentlichen Beitrag für ein gedeihliches Arbeitsklima und für den Erfolg unserer Kanzlei erzielt.

Und lassen Sie mich als Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Vereinigung der Rechtsanwalts- und Notariatsangestellten auch das in aller Deutlichkeit sagen: Der RENO-Bundesverband versteht sich nicht als eine Gewerkschaft gegen Anwälte und Notare.

Uns geht es um Gemeinsamkeit. Dafür steht unser Motto „Gemeinsam mehr erreichen“.

Wir als Rechtsanwaltsfachangestellte wissen, dass wir positive Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung nur gemeinsam mit unseren Chefs schaffen können. Dazu müssen wir das Anforderungsprofil für die Ausbildung im Dialog gemeinsam schärfen.

Deshalb werbe ich hier und heute um Ihre Unterstützung.

Motivieren Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Mitgliedschaft in der RENO, fördern Sie uns bei unseren Anstrengungen für eine qualifizierte berufliche Ausbildung und eine bedarfsorientierte fachliche Weiterbildung, lassen Sie uns gemeinsam noch mehr erreichen.

Und dazu biete ich die Zusammenarbeit mit dem RENO-Bundesverband, aber auch mit allen Landesverbänden und den RENO-Ortsvereinen an.

Denn wir sehen hier auch die Anwälte und Notare in der Pflicht, sich qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heranzuziehen.

Wir müssen frühzeitig und vorausschauend den sich verändernden Bedarf in den Kanzleien erkennen.

Wir müssen attraktive Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zentral und dezentral anbieten – und nutzen.

Wir müssen durch Innovation und maßvolle Spezialisierung Wettbewerbsfähigkeit herstellen und erhalten.

Wir dürfen nicht mehr nur reagieren – wir müssen agieren.

Denn: Wer immer nur mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt, der reicht mit den Armen niemals an die Sterne. 

 

 

 

Datenschutz in der digitalisierten Kanzlei – Aktuelles, Ausblicke und Anwendungen

Deutscher KanzleiManagementTag 2018 (#DKMT)

13. & 14. April, Hamburg

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