Corporate Governance der Rechtsanwälte


Corporate Governance geistert als Modewort und Allheilmittel seit der Börsenkrise durch die Blätter. Es will letztlich die gesetzlich normierten, die als Handelsbrauch eingeführten und sonst als notwendig erachteten Berichtspflichten insbesondere börsennotierter Kapitalgesellschaften kodifizieren. Lässt sich diese Aufmerksamkeit für die Anwaltschaft nutzen?

Rechtsanwälte haben in Deutschland mit den Standesrichtlinien und später der "Berufsordnung der Rechtsanwälte (BORA)" seit langer Zeit ein ausgeprägtes berufsständisches Regelwerk für die ordnungsgemäße Berufsausübung. Dennoch gibt es immer wieder Aufregung, zuletzt um den Plan des BMJ, einen Feuerwehrfonds für Fremdgeldunterschlagung einzuführen.

Es ist sicher nicht gerecht, den Berufsstand auf diese Weise in kollektive Sippenhaft für die üblichen schwarzen Schafe zu nehmen. Dennoch ist offenkundig, dass der Berufsstand Probleme mit der Rechnungslegung und damit notwendigerweise der Abwicklung der Flüsse fremder Gelder hat. Mit Blick auf die Deregulierung des Rechtsberatungsmarktes erscheint es daher dringend geboten, die im Berufsstand unerlässlichen Berichtspflichten aufzuarbeiten. Dabei wird es um die Notwendigkeit einzelner Berichtspflichten und deren Umsetzung in dem Anwaltsunternehmen gehen müssen.

Die Notwendigkeit der kodifizierten Berichtspflichten steht nicht zur Diskussion, wohl aber deren Realisierung und Umfang über etwaige gesetzliche Vorgaben hinaus. So lässt sich mit der Anwalts BWA der Fremdgeldfluss der Berichtsperiode in einem Geldbetrag ausdrücken. Das ist eine freiwillige Angabe, die mit wenigen weiteren Informationen die Durchflussgeschwindigkeit von Fremdgeld prüfbar macht.

Es fließen also Informationen für bekannte Berichtsverpflichtungen (steuerlicher Jahresabschluss, der immer mehr verbreitete Bericht an die Bank nach § 18 KWG gerade auch in "analoger" Anwendung) und solche für internes Management zusammen und können in einer "Corporate Governance" zu einer einheitlichen Verfahrensweise führen, die es der Gesellschafterversammlung der "Sozietät" - hoffentlich bald nicht mehr in der Rechtsform der GbR -, dem Finanzamt, der Rechtsanwaltskammer etc. ermöglichen, nach gleichen Kriterien zu prüfen.

Corporate Governance ist mehr als Buchhaltung und deren Auswertung. Buchhaltung ist ein wichtiger und problematischer Kernbereich. Die Fähigkeit zu einer ordnungsgemäßen Rechnungslegung auch nur im Umfang der "Überschussrechnung" ist im Berufsstand seit Jahren zurückgegangen. Die angeblich "automatische" Buchung in den EDV Programmen für Anwälte führt zu absurden Ergebnissen, weil es immer weniger ausgebildetes Personal dafür gibt und Rechtsanwälte zumindest so tun, als ob sie nicht rechnen und schon gar nicht buchen können. Wir können uns jeden Gedanken an Corporate Governance der Rechtsanwälte schenken, wenn wir den Kern der Rechnungslegung nicht in den Griff bekommen.
Gelingt das aber, dann ist der Weg offen für eine Selbstkontrolle des Berufsstandes, die er dringend brauchen wird, um sich in der beginnenden Deregulierung zu behaupten. Ziel könnte sein, dass das Anwaltsunternehmen sich regelmäßig einer Prüfung stellt, deren Kriterien die Corporate Governance vorgibt.
Beginnen soll die Arbeit im Bereich der Rechnungslegung. Hier ist einige Vorarbeit geleistet, der Anwaltskontenrahmen mit der Anwalts BWA sind gemeinsam von DAV und DATEV entwickelt und werden weiter gepflegt. Ziel muss sein, dass alle Programme, die Anwälte zur Rechnungslegung nutzen, wenigstens diesen Anforderungen genügen. Sehr wünschenswert und für die Anwälte äußerst sparsam wäre es, wenn die Handhabung einheitlich ist: Die Buchhalterin lernt ein System, bildet sich in diesem System fort und kann in jeder Kanzlei arbeiten. Ist es das System DATEV, dann kann sie geradezu universell eingesetzt werden. Für Insellösungen ist daher m.E. im Interesse der Anwälte kein Raum.
Mit diesem Ansatz lässt sich kurzfristig neben der Umsetzung der steuerlichen Verpflichtungen die Kreditfähigkeit nach den Anforderungen der Banken darstellen. Auch das zwingt geradezu zur Anwendung des DATEV Systems.

Die internationalen Anwaltsunternehmen haben das zusätzliche Problem, die Rechnungslegung nicht allein nach den deutschen sondern auch nach den Vorschriften des "Mutterunternehmens" darzustellen. Auch gibt es interessante Programme, die beides, sogar gesetzliche Anforderungen mehrerer Staaten abbilden können.
Versteht man also Corporate Governance als Kanon des Controlling eines Anwaltsunternehmens, dann ist mit der Bewältigung der Rechnungslegung ein zwar wichtiger und bekannter, aber letztlich nur ein kleiner Teil umgesetzt. Die strikte gesetzliche Vorgabe vermeidet unnötige Diskussionen. Das wird in anderen wichtigen Bereichen des Anwaltsunternehmens, z.B. im Bereich des Fristenmanagements anders sein. Hier gibt es wenig gesetzliche Vorgaben, dafür um so mehr Rechtsprechung, die zwar eigentlich eine klare Linie vorgibt, aber mangels Kontrolle nicht so ernsthaft umgesetzt wird.

Eine so verstandene Corporate Governance der Rechtsanwälte sollte in offener Diskussion und praktischer Übung angegangen werden. Schreibtischvorgaben wären eher störend. Diese Diskussion versucht die Arbeitsgemeinschaft Anwaltsmanagement in Gang zu bringen. Jeder interessierte Rechtsanwalt ist eingeladen, sich daran zu beteiligen.



Nachrichten

Rechtsanwalt Jürgen Schneider, Hamburg
    22.03.2010   


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