Fremdbesitzverbot, England öffnet Rechtsmarkt für Supermärkte

Das Berufsrecht in England und Wales ist grundlegend reformiert worden. Nun könnten sogar Einzelhandelsketten Rechtsberatung anbieten. Steht nun auch das   deutsche Fremdbesitzverbot auf der Kippe?


Diese Fragen sollten Sie sich nach der Lektüre des Textes beantworten:

• Wäre meine Kanzlei betroffen, wenn es in Deutschland zu einer Öffnung des Marktes für Kapitalgesellschaften käme?

• Würde ich eine Öffnung eher als Chance oder als Risiko begreifen?

• Was könnte ich/könnten wir tun, um einer möglichen Marktöffnung etwas entgegen zu setzen?

 

 

Rund 23 Milliarden Pfund, etwa 28 Milliarden Euro, ist der britische Rechtsberatungsmarkt schwer. Nun werden die Einnahmen neu verteilt. Denn eine der größten Berufsrechtsreformen seit mehreren Jahrzehnten ist mit Beginn dieses Jahres auf der Insel in Kraft getreten. Der Markt wird für Fremdkapital geöffnet. Erstmals könnten sich prinzipiell auch Supermarktketten an Kanzleien beteiligen.

Als Alternative Business Structures (ABS) werden die neuen Gesellschaftsformen bezeichnet, die nun nach Reform zugelassen sind. Große Einzelhandelsketten wie

Co-operative und Tesco haben schon Interesse angemeldet.

Denn sie versprechen sich ein gutes Stück vom Honorarkuchen.

Noch ist die Reform jung. Doch auch deutsche Rechtsanwälte schauen mit Spannung, was sich auf der Insel tut. Denn klar ist: Der britische Rechtsmarkt hat Vorbildcharakter für den Kontinent. Schließlich ist er auch um rund 10 Milliarden Euro größer als der Deutsche, der 2008 bei etwa 18 Milliarden Euro lag. Was in London funktioniert, wird in den meisten Fällen mit einigen Jahren Verzögerung auch in

Frankfurt, München oder Hamburg umgesetzt. Das könnte auch für Sie und ihre Kanzlei Konsequenzen bedeuten.

Denn eine Veränderung der Mandantschaft braucht drei bis fünf Jahre. Es ist also wichtig, dass Sie sich frühzeitig mit diesen Prozessen auseinandersetzen. Zuerst jedoch müssen die englischen und walisischen Kanzleien ihre Erfahrungen mit dem neuen Berufsrecht machen. Große Kanzleien fürchten sich nicht vor den Tesco-

Anwälten. Zu ihren Kunden gehören ohnehin die großen Banken oder Konzerne. Doch kleine und verbraucherorientierte Kanzleien könnten stark unter Druck geraten. Denn gerade hier wollen die Supermarkt-Ketten ansetzen und mit ihrem Markennamen wuchern. In Punkte Marketing und Werbung sind sie Einzelanwälten und kleineren Sozietäten überlegen. Eine aktuelle Studie zeigt: 60 Prozent der

britischen Verbraucher würden Rechtsrat auch bei Einzelhandelsunternehmen

oder Banken einholen. Bezogen auf konkrete Unternehmen liegt das Interesse der Kunden an Rechtsberatung bei bis zu 19 Prozent.

Dass nun Bewegung in den Markt gerät, ist ganz im Interesse des ehemaligen Regierungsberaters Sir David Clementi.  2004 hatte dieser im Auftrag der britischen Regierung einen Report erstellt, in dem der britische Rechtsmarkt analysiert wurde. Zu wenig Wettbewerb und zu wenig Verbraucherschutz waren die beiden Hauptaspekte seiner Kritik.

Gerade der Verbraucherschutz ist allerdings bei der aktuellen Reform umstritten. Schließlich kann es schnell passieren, dass Aktionärsinteressen nicht in Einklang stehen mit Mandanteninteressen. Und können die Supermarkt-Anwälte tatsächlich qualitativ mit der Konkurrenz mithalten? Ist nicht ein Wettlauf der Honorare ins Bodenlose zu befürchten? Gerade aus diesen Gründen ist das Regelwerk zum

neuen Berufsrecht auf der Insel sehr umfangreich geworden.

Zudem musste die Einführung der Regeln mehrfach verschoben werden. Und auch jetzt ist nicht sicher, ob nicht noch nachgebessert werden muss. Nicht umsonst sind nach dem deutschen Berufsrecht reine Kapitalbeteiligungen nicht möglich. Denn das Verhältnis zwischen Mandanten und Anwalt gilt als besonders schützenswert.

In Deutschland werden sich die britischen Regeln aus diesen Gründen nicht ohne Weiteres durchsetzen. „Nach aktuell geltendem EU-Recht ist es noch so, dass sich

die Staaten selbstständig für oder gegen Alternative Business Structures entscheiden können“, sagt Rechtsanwalt Kay-Thomas Pohl, Mitglied des Berufsrechtsausschusses des Verbandes Europäischer Rechtsanwaltskammern und

ehemaliger Präsident der Rechtsanwaltskammer Berlin. Die Literatur ist sich in dieser Frage sicher. Doch höchstrichterlich geklärt ist die Frage noch nicht (

http://www.rak-nbg.de/cmsupload/img/WIR3_08.pdf).

 

Damit ist absehbar, dass es langfristig Konflikte geben wird. Nämlich dann, wenn sich die „Supermarkt“-Kanzleien aus England und Wales daran machen, nach Deutschland zu expandieren. Dann könnte das deutsche Recht mit dem

europäischen in Konflikt geraten. 2009 wurde zwar das Fremdbesitzverbot in Deutschland für Apotheken durch den EuGH bestätigt. Zugleich wurde es für Optiker aber zugelassen. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass es große Ketten auf

einen Präzedenzfall ankommen ließen, um die Rechtslage auch für Rechtsanwälte zu klären. Zudem analysiert die Europäische Kommission derzeit, inwieweit einzelstaatliche Lösungen wie das Fremdbesitzverbot die grenzüberschreitende

Niederlassung von Rechtsanwälten behindert. Eins steht zumindest fest: In Stein gemeißelt ist das Fremdbesitzverbot nicht. Ändert sich die politische Stimmungslage,

wird sich auch Deutschland öffnen müssen. [hez]

 

Tipps:

• Prüfen Sie, in welchem Umfang Ihre Kanzlei in dem Marktsegment der Privatmandanten aktiv sind.

• Prüfen Sie, ob die Reputation Ihrer Kanzlei ausreichend ist, um als „Premiumanbieter“ zu überleben.

• Prüfen Sie, ob Sie eine Mandantschaft ansprechen könnten, die voraussichtlich nicht von der Marktöffnung betroffen ist oder darauf nicht anspricht.



Markt

Henning Zander
    14.01.2013   


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