Best Practice: Interprofessionelle Zusammenarbeit

Unternehmen als Mandanten haben meist ein ganzes Bündel von Themen, zu denen sie sowohl rechtlich, steuerlich oder wirtschaftlich beraten werden müssen. Viele Rechtsanwälte haben dieses Bedürfnis erkannt und bieten diese Dienstleistung in einem Haus an. Die Ansätze sind unterschiedlich. Sie reichen von doppelt qualifizierten Rechtsanwälten bis hin zu interprofessionellen Teams für große Fälle. Was wäre für Sie interessant?


Diese Fragen sollten Sie sich nach der Lektüre des Textes beantworten:

  • Braucht Ihre Mandantschaft Dienstleistungen aus den verschiedenen Themengebieten Bilanzen, Steuern und Recht?
  • Sind Sie in der Lage, diese Bedürfnisse mit Ihrem aktuellen Angebot zu decken?
  • Mit wem können Sie sich vorstellen, zusammenzuarbeiten?


Rechtsanwalt Bruno Fraas, Gründer und Partner bei BFP Bruno Fraas & Partner, hatte schon einiges ausprobiert. Doch die Lösung, die nun seit rund 30 Jahren währt, hat ihn bis heute überzeugt. In der Kanzlei BFP Bruno Fraas & Partner arbeiten Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte Seite an Seite. „Es gibt bei vielen Themen eine Überschneidung von steuerlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen“, sagt Fraas.

Um diese Fragen abzudecken, versuchte der Rechtsanwalt es zuerst mit Kooperationen. „Doch dann besteht die Schwierigkeit, dass nicht immer ein externer Berater zur Verfügung steht, wenn man ihn braucht.“ Die Entscheidung: Bruno Fraas tat sich mit dem Steuerberater Norbert Wagner zusammen, um Rechts- und Steuerberatung aus einem Hause anbieten zu können. Heute arbeiten bei BFP Bruno Fraas & Partner zwölf Rechtsanwälte, vier Steuerberater und zwei Wirtschaftsprüfer. Das Ziel des Konzepts: Verschiedene Themen in einem Haus abdecken bei gleichzeitiger starker Spezialisierung.

Quelle: Soldan Berufsrechtsbarometer 2009

Diese Situation kennen Sie bestimmt: Wenn Unternehmen einen Rechtsanwalt aufsuchen, hat dieser es gleich mit einem ganzen Bündel von rechtlichen, steuerlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen zu tun. Die Ansätze, damit umzugehen, sind unterschiedlich. Sie reichen von Kooperationen mit Steuerberatern über doppelt qualifizierte Rechtsanwälten bis hin zu interprofessionellen Teams für große Fälle. Wie reagieren Sie auf diese Anforderungen?

Bei BFP Bruno Fraas & Partner arbeiten die Partner grundsätzlich getrennt voneinander. Wer den Mandanten angenommen hat, der behält ihn auch – egal ob Steuerberater oder Anwalt. Wenn es darum geht, eine Fallgestaltung aus wirtschaftlichen, steuerlichen und rechtlichen Aspekten heraus zu bewerten, zum Beispiel bei einer Unternehmenssanierung, dann arbeiten Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer im Team. Die Leitung des Teams behält wiederum derjenige, der das Mandat angenommen hat. „Schwierig wird es, wenn ein Sachverhalt eine eher steuerliche oder eine eher rechtliche Lösung anbietet“, sagt der Rechtsanwalt. Wer trägt in dieser Situation den Hut?

BFP Bruno Fraas & Partner sehen hier eine einfache Lösung. Sie überlassen die Entscheidung dem Mandanten: Will er lieber Geld sparen oder lieber rechtlich auf der sicheren Seite sein? „Das erspart uns interne Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit“, sagt Fraas. Aus seiner Sicht muss für das Gelingen einer interprofessionellen Partnerschaft insbesondere die Chemie stimmen. So sei man auch außerhalb der Kanzlei miteinander befreundet, sagt Fraas.

Einen anderen Weg beschreitet die Kanzlei LTS Rechtsanwälte Wirtschaftsprüfer Steuerberater aus Herford. Die Mandanten der Kanzlei sind vor allem mittelständische Unternehmen. LTS Rechtsanwälte hat es sich zum Markenzeichen erhoben, Steuer- und Rechtsberatung nicht nur in einem Hause, sondern von ein und derselben Person anzubieten.

Fast alle Berufsträger der Kanzlei sind doppelt oder gar dreifach qualifiziert: als Rechtsanwälte und Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer. „Dadurch hat man als Mandant einen Ansprechpartner, es gibt keine Reibungsverluste. Zudem sind die Berufsträger in der Lage, ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten“, sagt Dr. Stefan Hoischen, Partner bei LTS Rechtsanwälte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Die Rechtsanwälte sollen im besten Falle schon bei der rechtlichen Erörterung steuerlicher Fragestellungen mitbedenken.

„Für uns ist die Doppelqualifikation ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Dr. Hoischen. Es gebe inzwischen viele Kanzleien, bei denen interprofessionell zusammengearbeitet werde. „Von diesen Kanzleien heben wir uns dadurch ab“, sagt Dr. Hoischen. Einfach sei es allerdings nicht, Nachwuchs zu finden, der nach den Staatsexamina eine oder gar zwei weitere Ausbildung durchlaufen möchte. 

Für welches Modell Sie sich entscheiden, hängt von Ihrer Zielsetzung ab. Wollen Sie dem Mandanten einen ganzheitlichen Blick auf seine Probleme durch möglichst breitgefächertes Wissen bieten? Gibt es vielleicht Professionen, die zwar ausserhalb der sozietätsfähigen Berufe stehen, aber gut zu Ihrer Mandantschaft passen würden, wie Mediziner, Psychologen (etwa bei Familienrecht), Architekten (beim privaten Baurecht) oder Ingenieure (beim Anlagebau)? Wie könnte eine Zusammenarbeit aussehen, die Ihnen hilft, im Markt Alleinstellungsmerkmal zu realisieren?

Die Beispiele für gelungene Kooperationen sind zahlreich. So pflegt die Kanzlei Scheele & Partner aus München eine jahrelang bewährte Kooperationen mit Architekten und Fachingenieuren, „die ihr technisches Wissen sowohl bei Abschluss von Verträgen über kleine Baumaßnahmen als auch bei rechtlichen Auseinandersetzungen über Großprojekte zur Verfügung stellen“, wie es bei der Kanzlei heißt. Die Rechtsanwaltskanzlei Rechtsanwälte Maier Kiesel Dietrich aus Halle (Saale) kooperiert nicht nur mit Bausachverständigen, sondern auch mit Sachverständigen auf den Gebieten Medizin und Kfz. So ermögliche man den Mandanten, einen schnellen und qualitätsgeprüften Zugang zu den nötigen Fachleuten, erklärt die Kanzlei auf ihrer Webseite.

Im Augenblick kann sich die Zusammenarbeit mit nicht-sozietätsfähigen Berufen nur auf Kooperationen beziehen. Dabei ergeben sich Grenzen der Zusammenarbeit aus den anwaltlichen Pflichten der Unabhängigkeit und Verschwiegenheit. Es muss darauf geachtet werden, dass zwischen dem Mandanten und den Kooperationspartnern ein eigenständiges Vertragsverhältnis entsteht. In der Kooperationsvereinbarung muss der Kooperationspartner außerdem zur Verschwiegenheit verpflichtet werden. Doch im Rahmen dieser Grenzen können sich die Berufsgruppen zum Wohle Ihrer Mandanten sinnvoll ergänzen.


Tipps:

 

  • Ein wichtiger Faktor der interprofessionellen Zusammenarbeit liegt darin, dass der Mandant bei einer fachfremden Anfrage nicht an eine andere Kanzlei verwiesen muss, sondern innerhalb der Kanzlei oder im Rahmen einer festen Kooperation von einem Berufsträger weiter beraten wird. So bleibt er der Kanzlei als Mandant erhalten.
  • Beachten Sie, dass es bei der Fallbearbeitung in interprofessionellen Teams zu unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen kann. Etwa eine rechtliche risikoarme Variante oder eine steuerlich günstige, jedoch rechtlich eventuell diskussionswürdige Variante. Wie wollen Sie diese Konflikte lösen?

 

Weitere Informationen:


Opens external link in new windowDie interprofessionelle Zusammenarbeit von Rechtsanwälten mit anderen Berufen, Vortrag Prof. Dr. Martin Henssler



Kanzlei

Henning Zander
    13.01.2012   


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